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Wissenswertes

Imari-Yaki – Das Porzellan, das Europas Fürstenhöfe eroberte

Kobaltblau, Rostrot und Gold: Wie ein kleiner Hafen auf Kyūshū einem Porzellan seinen Namen gab, das August der Starke in Dresden stapelweise sammeln ließ.
Japanische Teeschale aus Imari-Porzellan mit handgemalten roten Blüten, grünen Blättern und einer goldenen Blüte auf cremeweißem, fein gesprenkeltem Grund
Auf den Punkt gebracht
Imari-yaki (伊万里焼) bezeichnet japanisches Porzellan aus der Region Arita in der Präfektur Saga auf Kyūshū, das über den nahegelegenen Hafen Imari verschifft wurde – der Name benennt also den Handelsweg, nicht den Herstellungsort. Ab 1659 gelangte diese Ware in großem Umfang über die Niederländische Ostindien-Kompanie nach Europa, nachdem der chinesische Porzellanexport im Dynastiewechsel von Ming zu Qing eingebrochen war. Kennzeichnend ist der Kinrande-Dekor aus Unterglasurblau mit Aufglasurrot und Gold. Die historische Exportware heißt in Japan Ko-Imari. Der Europahandel endete um die Mitte des 18. Jahrhunderts und lebte erst in der Meiji-Zeit wieder auf.

In den Vitrinen europäischer Schlösser stehen sie bis heute nebeneinander: Deckelvasen, Prunkteller und Kannen in tiefem Kobaltblau, Rostrot und Gold, so dicht bemalt, dass kaum ein Fleck des weißen Grundes frei bleibt. Der Name, unter dem diese Stücke seit über dreihundert Jahren gehandelt werden, bezeichnet weder eine Werkstatt noch eine Glasur, sondern einen kleinen Hafen an der Nordwestküste von Kyūshū: Imari. Wie aus einem Verladeplatz ein Markenname wurde und wie japanisches Porzellan binnen weniger Jahrzehnte zum begehrtesten Luxusgut Europas aufstieg, ist eine Geschichte von Krieg, Zufall und einem außerordentlich guten Gespür für fremden Geschmack.

Was ist Imari-Yaki?

Imari-yaki (伊万里焼) bezeichnet japanisches Porzellan aus der Region um Arita in der Präfektur Saga auf der Insel Kyūshū, das über den nahegelegenen Hafen Imari verschifft wurde. Der Begriff beschreibt ursprünglich also keinen Ofen und keine Technik, sondern einen Handelsweg. In Europa hat sich daraus eine zweite, engere Bedeutung entwickelt: Als Imari-Dekor gilt hier eine dichte, oft flächendeckende Bemalung aus Unterglasurblau, ergänzt durch Aufglasurfarben in Eisenrot und Gold, gelegentlich mit schwarzen Konturlinien. Der Scherben ist echtes Hartporzellan – dünnwandig, hell klingend, an den dünnsten Stellen leicht durchscheinend. Das kobalthaltige Blaupigment, das vor dem Glasurbrand aufgetragen wird, heißt im Japanischen Gosu (Kobaltblau-Malmittel); es übersteht die hohe Brenntemperatur, während Rot und Gold erst in einem zweiten, deutlich kühleren Brand auf die fertige Glasur kommen. Beide Bedeutungen – Herkunftsangabe und Dekorbezeichnung – laufen bis heute nebeneinander her und sind der Grund, warum ein und dasselbe Stück je nach Katalog als Arita oder als Imari geführt wird.

Ein Hafen gibt dem Porzellan seinen Namen

Zwischen Arita und Imari liegen rund fünfzehn Kilometer. Gebrannt wurde im Binnenland, verladen wurde an der Küste: Die fertige Ware ging über Land und über den Imari-Fluss zum Hafen, wo Kaufleute sie in Schiffe umluden. Für den japanischen Markt fuhr sie nach Osaka und in andere Häfen, für den Export nach Nagasaki, wo die Niederländische Ostindien-Kompanie (VOC) auf der künstlichen Insel Dejima ihre einzige Handelsniederlassung in Japan unterhielt. Weil Waren damals üblicherweise nach ihrem Verschiffungsort benannt wurden, hieß dieses Porzellan bald schlicht Imari – auch dann, wenn es keinen Meter davon in Imari selbst entstanden war. Die Herstellungsgeschichte dagegen, vom Fund des porzellantauglichen Gesteins bei Arita im Jahr 1616 bis zu den Stilen Kakiemon und Iro-Nabeshima, gehört zum Nachbarthema Arita-yaki. Aus dieser Doppelung stammt die Verwirrung, die Sammler bis heute begleitet.

Chinas Dynastiewechsel und die Lücke im Welthandel

Dass japanisches Porzellan überhaupt nach Europa kam, verdankt sich einem Zusammenbruch andernorts. Über Jahrhunderte hatte China den Weltmarkt beherrscht, allen voran die riesigen Öfen von Jingdezhen, deren blau-weiße Ware über Lissabon und Amsterdam in die europäischen Haushalte gelangte. Mit dem Untergang der Ming-Dynastie in den 1640er Jahren und den langen Kämpfen bis zur Festigung der Qing-Herrschaft geriet die Produktion dort in Unordnung, Transportwege wurden unsicher, die Ausfuhr brach zeitweise fast vollständig ein. Die Ostindien-Kompanie, die ihre europäischen Kunden seit Jahrzehnten mit chinesischem Blau-Weiß versorgt hatte, stand ohne Ware da und suchte Ersatz. Sie fand ihn in der Provinz Hizen, dem heutigen Saga: Die Öfen um Arita brannten seit wenigen Jahrzehnten echtes Porzellan und waren so weit, größere Mengen in gleichbleibender Qualität zu liefern.

1659 und die erste große Bestellung der Ostindien-Kompanie

Als Schlüsseljahr des Europahandels gilt gemeinhin 1659. Zacharias Wagenaer – 1614 in der Dresdner Neustadt geboren, in niederländischen Diensten stehend – leitete damals zum zweiten Mal die Faktorei auf Dejima und gab eine Bestellung auf, die ausdrücklich nach europäischem Geschmack gearbeitet werden sollte: ein Service von rund zweihundert Teilen, blau-weiß und reich mit Blumen bemalt. Im selben Jahr verließen Lieferungen in der Größenordnung von mehreren zehntausend Stücken das Land. Aus der Notlösung wurde rasch ein Geschäftsmodell: Die Kompanie schickte Muster und Maßangaben nach Arita, und die dortigen Werkstätten arbeiteten danach. So entstanden in japanischem Porzellan Gefäßformen, die es in Japan gar nicht gab – Auftragsarbeit für einen Markt, den die Töpfer nie zu Gesicht bekamen. Einzelne Angaben zu Jahr und Umfang dieser ersten Order weichen in der Literatur voneinander ab.

Prunkvasen für Europa, Alltagsgeschirr für Japan

Die Blütezeit des Exports lag im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts. Gefragt waren in Europa keine Teeschalen, sondern Repräsentationsstücke: hohe Deckelvasen, die als Garnituren zu dritt oder zu fünft auf Kaminsimsen und Schrankgesimsen aufgereiht wurden, Prunkteller von beträchtlichem Durchmesser, Kannen und Terrinen. Für den japanischen Markt entstand parallel ein völlig anderes Sortiment: Reisschalen, Teller in Fünfersätzen, Tokkuri (Sakeflaschen), Guinomi (kleine Sakeschalen) und Yunomi (Teebecher für den Alltag) – Geschirr, das benutzt und nicht aufgereiht wurde. Diese doppelte Ausrichtung prägt das Bild bis heute: Wer eine japanische Sakeschale kaufen möchte, bewegt sich in derselben Formenwelt, die schon im 17. Jahrhundert für den heimischen Gebrauch entwickelt wurde, während der schwere Golddekor vor allem für den Blick von außen gemacht war. Wer beide Linien nebeneinander sieht, erkennt schnell, dass der üppige Golddekor nicht dem japanischen Alltagsgebrauch entsprang, sondern der Nachfrage eines weit entfernten Marktes.

Kinrande: Blau unter, Rot und Gold über der Glasur

Der Dekor, den Europa mit Imari verbindet, heißt in Japan Kinrande (金襴手, „Goldbrokat-Art“) – benannt nach Seidenstoffen, die mit Goldfäden durchwirkt sind. Technisch entsteht er in zwei Bränden. Zuerst wird der geformte und vorgebrannte Scherben mit Gosu in Kobaltblau bemalt, mit einer durchsichtigen Glasur überzogen und bei rund 1.300 Grad Celsius gebrannt; das Blau sinkt dabei in die Glasur ein und bekommt seine charakteristische Tiefe. Auf die fertige, glasharte Oberfläche kommen anschließend die Aufglasurfarben, vor allem ein warmes Eisenrot, sowie das Gold, die in einem zweiten, deutlich kühleren Brand eingebrannt werden. Die Kombination aus Unterglasurblau und farbigem Aufglasurdekor heißt Somenishiki; erst der Goldzusatz macht daraus Kinrande. Fassbar wird dieser Stil in Arita gegen Ende des 17. Jahrhunderts, in Anlehnung an ältere chinesische Goldbrokat-Porzellane der Ming-Zeit. Das Metropolitan Museum of Art beschreibt seine Imari-Stücke des 18. Jahrhunderts genau in dieser Schichtung: Hartporzellan mit farbigen Emailfarben über transparenter Glasur und Vergoldung.

Ko-Imari, das „alte Imari“ der Sammler

In Japan bezeichnet Ko-Imari (古伊万里, „altes Imari“) das historische Porzellan der Edo-Zeit aus dem Hizen-Raum, im engeren Sinn die Exportware des 17. und 18. Jahrhunderts. Der Begriff ist eine Sammlerkategorie und keine Herkunftsangabe: Er grenzt die alten Stücke gegen die spätere Produktion ab, sagt aber nichts über die einzelne Werkstatt aus, denn die Öfen des Hizen-Raums signierten ihre Exportware in aller Regel nicht – auch das Metropolitan Museum of Art führt seine Imari-Bestände deshalb ohne Werkstattnamen, allein unter der Sammelangabe „Hizen ware; Imari type“. Umso wichtiger sind für die Datierung große, geschlossene Bestände. Das Kyūshū-Keramikmuseum in Arita bewahrt mit der Shibata-Sammlung ein Konvolut von 10.311 Objekten des 17. bis 19. Jahrhunderts, von dem jährlich wechselnd rund tausend Stücke gezeigt werden – eine der wichtigsten Materialgrundlagen für die Einordnung von Ko-Imari überhaupt. Auf dem europäischen Markt begegnet der Begriff heute oft großzügiger verwendet, als es die japanische Fachliteratur tut; er sagt dort meist nur, dass ein Stück im alten Exportdekor gehalten ist.

Porzellanfieber an Europas Fürstenhöfen

Kaum jemand verkörpert die europäische Porzellanbegeisterung so deutlich wie August der Starke, Kurfürst von Sachsen und König von Polen. 1717 erwarb er in Dresden das Holländische Palais und ließ es zu einem Porzellanschloss ausbauen; seit 1732 trägt es den Namen Japanisches Palais. Ganze Raumfolgen sollten dort mit ostasiatischem und Meißner Porzellan ausgekleidet werden. Seine Sammlung umfasste ursprünglich mehr als 29.000 ostasiatische Porzellane, von denen rund 8.000 in der Dresdner Porzellansammlung bis heute erhalten sind; die Inventarbücher von 1721 und 1779 dokumentieren die Bestände. Japanische Ware aus Arita – Imari-Dekor ebenso wie der zurückhaltendere Kakiemon-Stil – prägte das Erscheinungsbild dieser Sammlung maßgeblich. Für die Sammelleidenschaft jener Jahre ist zeitgenössisch der Ausdruck „Porzellankrankheit“ überliefert – gemeint war der Zustand, in dem sich ein Fürst nicht mehr mit einer Vase begnügt, sondern nach ganzen Wandflächen davon verlangt. Auch an anderen Höfen entstanden in dieser Zeit Porzellankabinette, in denen ostasiatische Stücke dicht an dicht auf Konsolen gestaffelt wurden.

Meißen, Delft und Chantilly antworten auf Imari

Der Erfolg des japanischen Porzellans blieb für die europäische Produktion nicht folgenlos. In Delft, wo der heimische Boden kein Material für echtes Porzellan hergab, übertrug man das Vorbild auf zinnglasierte Fayence – weicher und billiger, im Farbeindruck aber verblüffend nah. In Meißen, wo um 1708 bis 1710 als erster europäischer Manufaktur der Hartporzellanbrand gelang, ließ August der Starke Stücke seiner ostasiatischen Sammlung nachbilden: Der 1720 angeworbene Malereivorsteher Johann Gregorius Höroldt und seine Werkstatt schufen in den 1720er Jahren genaue Kopien japanischer und chinesischer Vorbilder, unter anderem für die Ausstattung des Japanischen Palais. In Frankreich orientierte sich Chantilly vor allem am feineren Kakiemon-Dekor, während englische Manufakturen eigene Imari-Muster entwickelten, die teilweise bis heute produziert werden. Der Weg der Motive lief damit über drei Stationen: von chinesischen Vorbildern nach Arita, von dort in die europäischen Schlösser und schließlich in die Musterbücher der europäischen Manufakturen.

Chinesisches Imari und das Ende des Exports

Sobald die Öfen von Jingdezhen wieder arbeiteten, kopierten sie den japanischen Erfolgsdekor. Diese Stücke werden im Kunsthandel als „chinesisches Imari“ geführt; ihre größte Verbreitung fanden sie etwa zwischen 1715 und 1735. Sie sind meist feiner getöpfert, dünner und gleichmäßiger glasiert – und sie waren erheblich billiger. Für Japan bedeutete das das Ende des großen Geschäfts: Die Herstellung in Hizen war arbeitsintensiver, die Ware ließ sich preislich nicht halten. Der Export nach Europa ging bis etwa 1740 stark zurück, einzelne Lieferungen der Kompanie sind noch bis in die 1750er Jahre belegt, dann brach der Handel ab. Die Öfen um Arita produzierten weiter, nun aber ganz überwiegend für den japanischen Binnenmarkt – ein gutes Jahrhundert lang blieb Imari-Porzellan in Europa eine Erinnerung in fürstlichen Vitrinen, ohne dass Nachschub aus Kyūshū eintraf.

Die zweite Blüte in der Meiji-Zeit

Erst die Öffnung Japans brachte den Export zurück. 1873 nahm die Meiji-Regierung in Wien erstmals offiziell an einer Weltausstellung teil, und die europäische Begeisterung für japanische Kunst, der Japonismus, verschaffte dem Porzellan aus Hizen ein zweites Publikum. In Arita entstanden Betriebe, die eigens für den Weltmarkt gegründet wurden: 1875 die Kōransha, 1894 die heutige Firma Fukagawa Seiji, die 1900 auf der Pariser Weltausstellung ausgezeichnet wurde und ab 1910 als Hoflieferant des japanischen Kaiserhauses firmierte. Die Stücke dieser Jahrzehnte sind technisch häufig brillanter als die alte Exportware, wirken in ihrer Präzision aber auch kühler. Aus dieser zweiten Welle stammt ein guter Teil dessen, was heute als Imari angeboten wird – wer japanische Keramik kaufen möchte, trifft im Handel fast zwangsläufig auf Arbeiten dieser Epoche, deutlich häufiger jedenfalls als auf echte Exportware der Edo-Zeit.

Was „Imari“ heute bedeutet und worauf sich achten lässt

In Japan wird der Name inzwischen enger gefasst: Als Imari-yaki gilt dort vor allem Porzellan, das tatsächlich im Stadtgebiet von Imari gebrannt wird, etwa im Ofendorf Ōkawachiyama, während Ware aus Arita als Arita-yaki firmiert; als traditionelles Handwerk sind beide gemeinsam als Imari-Arita-yaki geführt. Im europäischen Sprachgebrauch bleibt Imari dagegen vor allem ein Dekorname. Wer ein Stück in die Hand nimmt, achtet am besten auf die Handschrift der Malerei: leicht ungleichmäßige Pinselzüge, die sichtbare Tiefe des Unterglasurblaus und das minimal erhabene Aufglasurrot, das sich mit dem Fingernagel ertasten lässt. Auf der Rückseite älterer Teller finden sich oft drei bis fünf kleine unglasierte Punkte, Spuren der Brennstützen im Ofen; sie gelten als Hinweis auf japanische Fertigung, nicht als Beweis.

Bei densho.art finden Sie handgefertigte japanische Porzellan- und Keramikstücke, in denen dieser Dreiklang aus weißem Grund, farbiger Malerei und Goldakzent bis heute nachklingt – jedes Stück einzeln aus Japan bezogen. Ob als Teegeschirr für den Alltag oder als japanisches Kunstwerk als Geschenk: Halten Sie ein solches Stück ins Licht und drehen Sie es langsam, dann sehen Sie, wie viele Hände daran gearbeitet haben.

Quellen und Literatur

The Metropolitan Museum of Art: Plate with a vase of flowers, Acc.-Nr. 1995.268.37, metmuseum.org.

The Metropolitan Museum of Art: Bottle with flowers of the four seasons, Acc.-Nr. 1995.268.69, metmuseum.org.

The Metropolitan Museum of Art: Plate with Japanese court woman and birds, Acc.-Nr. 1995.268.139, metmuseum.org.

Nicole Coolidge Rousmaniere: Vessels of Influence. China and the Birth of Porcelain in Medieval and Early Modern Japan. Bristol Classical Press, London 2012.

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