Wissenswertes

Japanische Lackwaren – Urushi, Gold und die Kunst der Geduld

Chinkin auf rotem Urushi-Lack: goldene Pfingstrosen auf den Deckeln von fünf Suppenschalen (Owan) aus Wajima

Man erkennt japanischen Lack zuerst mit den Fingerspitzen. Eine gut gearbeitete Lackdose fühlt sich nicht kalt an wie Porzellan und nicht stumpf wie Holz, sondern warm und weich, fast wie Haut. Das Schwarz scheint keinen Boden zu haben, und das Gold darauf liegt nicht auf der Oberfläche, sondern irgendwo darin. Hinter diesem Eindruck stehen ein Baumsaft, der beim Verarbeiten die Haut angreift, Dutzende Arbeitsgänge, zwischen denen das Stück tagelang in feuchter Luft ruht, und eine Tradition, die in Japan älter ist als die Schrift.

Was sind japanische Lackwaren?

Japanische Lackwaren heißen Shikki (漆器), „Lackgefäße“, oder Nurimono, „beschichtete Dinge“. Gemeint sind Gegenstände, deren Körper in vielen dünnen Schichten mit Urushi (漆) überzogen ist, dem Naturlack aus dem Saft des Lackbaums. Der Körper, japanisch Kiji, besteht meist aus Holz, gelegentlich aus Bambus, Papier, Leder oder Korbgeflecht. Aus diesem Zusammenspiel entstehen Schalen und Essgeschirr, Schreibkästen und Tabletts, Möbel, Rüstungsteile und die kleinen Dosen der Teezeremonie.

Wie berühmt das Material außerhalb Japans wurde, zeigt ein Wort: So wie das englische „china“ für Porzellan steht, bezeichnete „japan“ lange Zeit den Lack. Dabei ist Lack keine japanische Erfindung – der Lackbaum wächst in weiten Teilen Ostasiens, und viele Techniken kamen aus China. Japanisch ist die Konsequenz, mit der das Handwerk über Jahrhunderte verfeinert wurde, bis die Arbeit des Lackmeisters selbst zum Gegenstand der Bewunderung geworden war.

Urushi: ein Lack, der in feuchter Luft hart wird

Urushi ist ein ungewöhnliches Material. Der frisch gezapfte Saft des Lackbaums ist hautreizend und ruft heftige Ausschläge hervor, weshalb seine Verarbeitung seit jeher spezialisierten Handwerkern vorbehalten ist. Seine wichtigste Eigenschaft beschreibt das Kunstlexikon JAANUS so: Urushi trocknet nicht, er härtet aus – und zwar nur in feuchter Luft bei mäßiger Temperatur. Lackwerkstätten trocknen ihre Stücke deshalb nicht im Luftzug, sondern in befeuchteten Schränken, in denen der Lack über Stunden und Tage durchhärtet.

Ist er einmal ausgehärtet, verändert sich der Lack kaum noch, nur seine Farbe wird mit den Jahren tiefer und klarer. Er schützt das Holz gegen Feuchtigkeit und Wärme, hält Säuren stand und ist lebensmittelecht, was ihn seit Jahrhunderten zum Material für Suppenschalen und Essstäbchen macht. Die Farbigkeit war lange begrenzt: Bis in die Edo-Zeit standen den Lackmeistern im Wesentlichen fünf Töne aus natürlichen Pigmenten zur Verfügung – Rot, Schwarz, Gelb, Grün und ein helles Braun. Weißer Lack ließ sich erst im 19. Jahrhundert herstellen.

Vom Jōmon-Topf bis zur Teedose: eine kurze Geschichte

Lack begleitet die japanische Kultur seit ihren Anfängen. Rot lackierte Keramikscherben aus dem Muschelhaufen von Torihama in der Präfektur Fukui belegen, dass Urushi schon in der frühen Jōmon-Zeit als Farbe und Schutzschicht diente. Mit dem Buddhismus kamen im 7. und 8. Jahrhundert neue Verfahren aus China: In der Nara-Zeit entstanden Buddhafiguren in Trockenlacktechnik, Kanshitsu, bei der mit Lack getränkte Hanfgewebe in vielen Lagen über einen Kern geschichtet wurden. Aus derselben Zeit stammen die ersten Einlagen aus Perlmutt.

Seine eigene Sprache fand der japanische Lack in der Heian-Zeit mit dem Maki-e, dem gestreuten Goldbild, das in Kyōto zur Vollendung gebracht wurde. In der Muromachi-Zeit prägte die Teekultur den Geschmack, und es entstanden die Lackdosen für den Matcha. In der Edo-Zeit schließlich wurde Lackgeschirr zum Bestandteil des Alltags: Haltbare Lackwaren aus Orten wie Wajima fanden sich nun auch in den Häusern von Bauern und Kaufleuten im ganzen Land. Im 19. Jahrhundert verband Shibata Zeshin (1807–1891) Lackkunst und Malerei so eng, dass er mit Lack auf Papier malte; für seine Lackmalerei wurde er 1873 auf der Wiener Weltausstellung ausgezeichnet.

Kiji, Shitaji, Uwa-nuri: wie eine Lackware entsteht

Jede Lackarbeit durchläuft drei Stufen: den Körper (Kiji), die Grundierung mit Unter- und Mittelschichten (Shitaji, Naka-nuri) und den abschließenden Decklack (Uwa-nuri), auf dem eine Verzierung sitzen kann. Schon der Körper verlangt Geduld. In Kyōto lässt man das Holz für Lackwaren nach Angaben des japanischen Registers der traditionellen Kunsthandwerke vier bis fünf Jahre und länger trocknen, damit es sich später nicht mehr verzieht. Schalen werden gedrechselt, Kästen aus Brettern gefügt, runde Dosen aus dünnen, gebogenen Spänen geformt.

Dann folgen die unsichtbaren Schichten, die über die Haltbarkeit entscheiden. Bruchanfällige Stellen wie Ränder und Kanten werden mit lackgetränktem Gewebe überzogen, darauf kommen Lagen aus Lack, gemischt mit fein gemahlenen mineralischen Pulvern, die nach dem Aushärten jeweils wieder glattgeschliffen werden. Erst darauf liegen Mittel- und Decklack. Für den Decklack wird der Urushi mehrfach durch dünnes Yoshino-Papier gefiltert, und jedes Staubkorn, das beim Auftragen auf die nasse Fläche fällt, wird mit der Spitze eines Vogelfederkiels einzeln herausgehoben.

Soll die Oberfläche spiegeln, kommt das Rōiro hinzu: Der ausgehärtete Decklack wird mit Holzkohle geschliffen, dann wiederholt mit Lack eingerieben und poliert, zuletzt mit der bloßen Handfläche und den Fingern. Erst nach diesem Arbeitsgang entsteht jenes Schwarz, das keinen Boden zu haben scheint.

Maki-e: Gold, gestreut statt gemalt

Maki-e (蒔絵) heißt wörtlich „gestreutes Bild“, und genau das geschieht: Der Lackmeister zeichnet das Motiv mit feuchtem Lack auf die Fläche und streut darauf Gold-, Silber- oder andere Metallpulver, die im aushärtenden Lack haften bleiben. Je nach Körnung des Pulvers – vom feinen Staub bis zu flachen Flocken – entstehen matte Flächen, funkelnde Partien oder weiche Übergänge. Wie JAANUS darlegt, haben sich dabei drei Grundverfahren nacheinander herausgebildet.

Beim Togidashi-maki-e, das schon in der Heian-Zeit verbreitet war, wird das Motiv nach dem Streuen vollständig überlackiert und anschließend mit Holzkohle wieder freigeschliffen, bis es bündig in der Fläche liegt; das Gold scheint dann in der Tiefe des Lacks zu schweben. Das Hira-maki-e der Kamakura-Zeit lässt das Motiv flach auf dem Grund liegen, nur von einer dünnen Schutzschicht überzogen. Beim Taka-maki-e, das in der Muromachi-Zeit hinzukam, wird das Motiv mit einer Masse aus Lack und Holzkohle- oder Tonpulver erhöht, sodass Felsen, Wolken oder Blätter plastisch hervortreten. Ergänzt werden diese Verfahren durch Nashiji, einen Grund aus eingestreuten Goldflocken, der an die Schale einer Birne erinnert, und durch Kirikane, winzige Plättchen aus Blattgold.

Raden, Chinkin und farbiger Lack

Neben das Gold treten andere Mittel. Raden (螺鈿) ist die Einlage von Perlmutt: Schalen von Seeohr-, Turban- oder Perlmuscheln werden dünn geschliffen, zugeschnitten und in den Lack eingelegt. In Kyōto unterscheidet man Raden aus dickem Perlmutt von 1,5 bis 3 Millimetern und Aogai aus hauchdünnen Plättchen von etwa 0,3 Millimetern, die je nach Lichteinfall blau, grün oder rosa schimmern. Beim Chinkin (沈金) dagegen wird das Motiv mit feinen Meißeln in den fertigen Lack geritzt; in die Linien reibt man Lack und drückt Blattgold oder Goldpulver hinein, sodass ein Bild aus goldenen Linien entsteht.

Daneben gibt es Lackwaren, die ganz ohne Metall auskommen. Beim Negoro-nuri liegt roter Lack über schwarzem; mit dem Gebrauch scheint das Schwarz an den Griffstellen allmählich durch, ein Effekt, der so geschätzt wurde, dass man ihn später bewusst nachahmte. Das Tsugaru-nuri aus dem Norden Japans schichtet farbige Lacke übereinander und schleift sie zu einem marmorierten Muster, beim Shunkei-nuri lässt transparenter Lack die Holzmaserung durchscheinen. Wer japanische Lackwaren kaufen möchte, findet in dieser Vielfalt mehr als nur die bekannte Kombination aus Schwarz und Gold.

Wajima, Kyōto und die Lackorte Japans

Das japanische Register der traditionellen Kunsthandwerke führt mehr als zwanzig Lackhandwerke als eigene Traditionen, von Tsugaru im Norden bis Ryūkyū im Süden. Den Ruf der größten Haltbarkeit hat Wajima auf der Noto-Halbinsel, seit 1975 als traditionelles Kunsthandwerk anerkannt. Sein Geheimnis ist das Jinoko, ein Pulver aus gebranntem Kieselgur vom Berg Komine, das der Grundierung beigemischt wird; der Überlieferung nach soll ein göttlicher Hinweis die Lackmeister auf diese Erde gebracht haben. Wajima-Lack gilt als so robust, dass beschädigte Stücke ausgebessert und weiter benutzt werden können.

Lackwaren waren immer teuer, und in Wajima erfand man dafür eine eigene Form des Kaufs, das Wankō: Etwa zehn Käufer zahlten jährlich je einen Teil des Preises ein, und jedes Jahr entschied das Los, wer das fertige Stück bekam. So war dem Lackmeister die Arbeit auf Jahre gesichert. Kyōto dagegen, seit 1976 mit seinen Kyō-shikki anerkannt, steht für Eleganz und für die Nähe zur Teekultur. Seine Lackwaren gelten als zurückhaltend, verfeinert und von jener inneren Tiefe, die man in Japan mit Wabi und Sabi verbindet.

Der Natsume: Lack im Teeraum

Kein Lackobjekt ist so eng mit der Teezeremonie verbunden wie der Natsume (棗), die Dose für den dünnen Matcha. Ihren Namen verdankt sie der Jujube, der Brustbeere, deren Frucht die gedrungene Form mit dem flach gewölbten Deckel ähnelt. Die Herkunft der Dose wird einem Handwerker namens Haneda Gorō zugeschrieben, der in der Muromachi-Zeit in Kyōto gelebt haben soll, als sich die Teezeremonie gerade erst formte. Sen no Rikyū bevorzugte bestimmte Formen, die nach ihm benannt sind.

Natsume gibt es in mehreren Größen, als großen Ō-natsume, mittleren Chū-natsume und kleinen Ko-natsume, schlicht schwarz, in tiefem Rot oder reich mit Maki-e verziert: Herbstlaub für den Oktober, Kirschblüten für das Frühjahr, Glückszeichen für das neue Jahr. Für den dicken Tee nimmt man dagegen den Chaire, die kleine Keramikdose. Wer Zubehör für die japanische Teezeremonie sucht, beginnt oft mit einer Chawan und einem Natsume – zwei Stücken, an denen sich das Zusammenspiel von Keramik und Lack, von Erde und Glanz, besonders schön zeigt.

Lack, der mit seinem Besitzer altert

Lackwaren sind haltbarer, als ihr Glanz vermuten lässt, aber sie wollen von Hand behandelt werden. Spülmaschine, Mikrowelle und Backofen sind tabu, ebenso scheuernde Mittel; lauwarmes Wasser, ein weicher Schwamm und ein weiches Tuch genügen. Direkte Sonne und sehr trockene Heizungsluft sollte man ihnen auf Dauer ersparen. Dafür belohnen sie den Gebrauch: Das regelmäßige Abtrocknen poliert die Oberfläche, und der Lack gewinnt mit den Jahren an Tiefe.

So wird ein Stück Lack mit der Zeit persönlicher. Eine Schale, aus der jahrzehntelang Suppe getrunken wurde, trägt einen anderen Glanz als eine, die im Schrank stand, und ein Natsume, der durch viele Hände gegangen ist, erzählt von all den Tees, die aus ihm geschöpft wurden. Bei Densho finden Sie handgefertigte Lackarbeiten japanischer Lackmeister, die wir einzeln in Japan ankaufen, oft in der signierten Holzbox des Meisters, dazu Teeschalen, die einem Natsume Gesellschaft leisten. Nehmen Sie eine solche Dose in die Hand – der Lack verrät seine Geduld schon bei der ersten Berührung.

Quellen und Literatur

JAANUS – Japanese Architecture and Art Net Users System: urushi 漆, aisf.or.jp.

JAANUS – Japanese Architecture and Art Net Users System: makie 蒔絵, aisf.or.jp.

JAANUS – Japanese Architecture and Art Net Users System: natsume 棗, aisf.or.jp.

Traditional Crafts Aoyama Square (japanisches Register der traditionellen Kunsthandwerke): WAJIMA Nuri (Lacquerware), kougeihin.jp.

Traditional Crafts Aoyama Square (japanisches Register der traditionellen Kunsthandwerke): KYO Shikki (Lacquerware), kougeihin.jp.

Beatrix von Ragué: Geschichte der japanischen Lackkunst. de Gruyter, Berlin 1967.

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