Wer ein japanisches Rollbild zum ersten Mal entrollt, sieht zunächst die Malerei. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, wie viel um sie herum geschieht: ein schmaler Streifen golddurchwirkten Stoffs über und unter dem Bild, Bahnen aus gemusterter Seide, die es einfassen, ruhige Flächen darüber und darunter, ein Stab, der die Bahn glatt zieht. Nichts davon stammt vom Maler. Es ist die Arbeit eines zweiten Handwerks, das in Japan seit mehr als tausend Jahren gepflegt wird und ohne das es kein Kakemono gäbe: Hyōgu, die Kunst der Montierung.
Was bedeutet Hyōgu?
Hyōgu (表具) bezeichnet das Montieren von Malerei und Kalligrafie – all das, was aus einem bemalten oder beschriebenen Blatt ein haltbares, vorzeigbares Objekt macht. Gleichbedeutend wird der Ausdruck Hyōsō (表装) verwendet. Gemeint ist dabei nicht nur das Hängerollbild, das Kakemono, sondern ebenso die Querrolle, der Stellschirm (Byōbu), die Schiebetür (Fusuma) und das Album. Der Zweck ist immer ein doppelter: das Werk zu erhalten und es zeigen zu können.
Der Handwerker, der diese Arbeit ausführt, heißt Hyōgu-shi (表具師), auf Deutsch am ehesten Montierer. Sein Beruf liegt irgendwo zwischen Buchbinder, Textilkenner und Restaurator, und er verlangt neben ruhigen Händen ein sicheres Auge, denn der Hyōgu-shi entscheidet, welcher Stoff zu welchem Bild gehört. Darin liegt der Unterschied zum westlichen Bilderrahmen: Ein Rahmen wird um ein fertiges Bild gelegt und lässt sich an einem Nachmittag tauschen. Eine japanische Montierung ist mit dem Blatt verklebt, wird mit ihm gerollt und altert mit ihm.
Von der Sutrenrolle zum Tokonoma: die Geschichte der Montierung
Die Montierung kam zusammen mit dem Buddhismus aus China nach Japan und begann mit dem Herrichten von Sutrenrollen; aus Bildern buddhistischer Gottheiten, die zur Andacht aufgehängt wurden, entwickelte sich später das Hängerollbild. Wie das Kunstlexikon JAANUS festhält, hieß die Montierung in der Nara- und Heian-Zeit noch Sōkō und galt vor allem den Sutren; in der Kamakura-Zeit führten sie Berufshandwerker aus, die Kyōji (経師). Die frühen Hängerollen waren schlichter und kleiner als die heutigen. Bildrollen des Mittelalters zeigen, wie sie aussahen: im einfachsten Fall ein Streifen verzierter Seide oder verzierten Papiers am oberen und unteren Rand und ein Stab am unteren Ende.
Zwei Entwicklungen gaben dem Handwerk seine heutige Gestalt. In der Muromachi-Zeit (1333–1573) wurde es üblich, chinesische und zenbuddhistische Malerei und Kalligrafie in chinesische Brokate zu fassen. Und mit dem Shoin-Baustil entstand das Tokonoma, die Bildnische: Hatten Rollbilder zuvor an den Querbalken des Raums gehangen, bekamen sie nun einen festen Ort. Dem Maler Geiami (1431–1485) schreibt JAANUS zu, ästhetische Regeln für Montierung, Auswahl und Betrachtung von Rollbildern aufgestellt zu haben, aus denen später die festen Montierungstypen hervorgingen. Als vom Ende der Muromachi-Zeit an die Teezeremonie aufblühte, prägte schließlich auch der Geschmack der Teemeister die Montierung.
Der Aufbau eines Kakemono: vom Honshi bis zum Jikusaki
Im Zentrum sitzt das Honshi (本紙), das eigentliche Werk auf Papier oder Seide. Unmittelbar darüber und darunter liegen die Ichimonji (一文字), zwei schmale Querstreifen, genau so breit wie das Bild und traditionell aus dem kostbarsten Stoff der ganzen Montierung. Um beides legt sich das Chūmawashi (中廻し), auch Chūberi genannt: die innere Einfassung, deren seitliche Streifen Hashira heißen, „Säulen“. Oben und unten schließen die großen, ruhigen Flächen an – Ten (天), der Himmel, und Chi (地), die Erde, zusammen Tenchi oder Jōge. Der Himmel fällt dabei in der Regel höher aus als die Erde.
Vom oberen Stab hängen bei vielen Montierungen zwei schmale Stoffbänder herab, die Fūtai (風帯, wörtlich „Windbänder“). Sie teilen das Himmelsfeld in drei gleiche Abschnitte; bei freieren Formen sind sie nicht lose, sondern aufgeklebt, oder sie fehlen ganz. Oben trägt die leichte Leiste Hassō die Aufhängeschnur, unten zieht der Rundstab Jiku die Bahn glatt. Seine sichtbaren Endstücke, die Jikusaki, bestehen aus Holz, Knochen, Horn, Lack, Keramik oder bei jüngeren Montierungen aus Kunststoff. Wer ein original japanisches Rollbild kaufen möchte, hält deshalb immer zwei Arbeiten in der Hand: die des Malers und die des Montierers.
Shin, Gyō, Sō: die Formen der Montierung
Japanische Montierungen folgen festen Typen. Die verbreitetste Familie ist das Yamato-hyōgu (大和表具). Ihr Kennzeichen sind laut JAANUS drei Stoffe in abgestufter Rangfolge – der feinste für die Ichimonji, der zweite für das Chūmawashi, der dritte für Himmel und Erde –, weshalb diese Form auch Sandan-hyōgu heißt, „dreistufige Montierung“. Innerhalb der Familie unterscheidet man drei Grade der Förmlichkeit, benannt nach den Schriftstilen der Kalligrafie: Shin (真, förmlich), Gyō (行, halbförmlich) und Sō (草, frei). Jeder Grad ist noch einmal unterteilt; häufig anzutreffen ist heute die mittlere Stufe, das „Gyō des Gyō“.
Daneben steht das Bunjin-hyōgu (文人表具), die Montierung der Literaten. Sie fand in der Edo-Zeit mit der Begeisterung für die chinesische Malerei der Ming- und Qing-Dynastie Verbreitung und ist an ihrer Geschlossenheit zu erkennen: Ein einziger Stoff oder ein einziges Papier umschließt das Bild ringsum. Fehlen auch die Fūtai, spricht man von Maru-hyōgu (丸表具). Für buddhistische Andachtsbilder schließlich gibt es eine eigene, besonders förmliche Montierung. Welche Form ein Rollbild trägt, sagt deshalb weniger über seinen Wert als über seine Gattung und den Anlass, für den es gedacht war.
Urauchi: wie ein Hyōgu-shi mit Papier, Kleister und Geduld arbeitet
Die Arbeit des Hyōgu-shi beginnt mit Wasser und Kleister. Ein Blatt Papier oder Seide allein würde das ständige Auf- und Abrollen nicht überstehen; es wird deshalb von hinten mit Washi verstärkt. Dieses Hinterkleben heißt Urauchi (裏打ち) und geschieht in mehreren Durchgängen. Zuerst erhalten das Bild und jeder Stoff einzeln eine erste, dünne Lage unmittelbar auf der Rückseite, das Hada-urauchi, wörtlich das „Hautfutter“. Es folgt eine zweite Lage, das Mashi-urauchi, die zusätzliche Festigkeit gibt. Zwischen den Schritten wird jedes Teil feucht auf ein Trockenbrett gespannt, wo es glatt und straff trocknet.
Erst dann werden die Teile zusammengefügt, in fester Reihenfolge vom Bild nach außen: Ichimonji, Hashira, die übrigen Teile des Chūmawashi, zuletzt Himmel und Erde. Dieser Schritt heißt Tsukemawashi. Über das Ganze kommt zuletzt eine durchgehende Rückseitenlage, das Sō-urauchi, das mit einer schweren Klopfbürste, der Uchibake, angeschlagen wird. Die Kanten der Futterpapiere werden dabei nicht geschnitten, sondern feucht gerissen, damit die Fasern auslaufen und sich auf der Vorderseite kein Absatz abzeichnet.
Geklebt wird mit Weizenstärkekleister, der fest hält und sich doch mit Wasser wieder lösen lässt. Nach dem Trocknen setzt der Montierer Leiste und Rundstab ein und näht die Fūtai mit Seidenfaden an. Zum Schluss lässt er die Rolle an den Stabenden langsam herab und prüft aus einigem Abstand, ob sie gerade hängt. Weil zwischen den Arbeitsgängen immer wieder befeuchtet und getrocknet wird, lässt sich nichts davon beschleunigen.
Toriawase: die Wahl der Stoffe
Technik ist nur die eine Hälfte des Handwerks. Die andere heißt Toriawase (取り合わせ), das Zusammenstellen der Stoffe, der Kireji (裂地). Ichimonji, Chūmawashi und Tenchi werden so gewählt, dass sie untereinander harmonieren, das Bild hervorheben und zu seiner Entstehungszeit wie zu seiner Verwendung passen. Ein Montierer muss deshalb lesen können, was er vor sich hat: ob eine Kalligrafie ein Zen-Wort trägt oder ein Glückwunschgedicht, ob eine Landschaft den Spätherbst meint oder den ersten Frühling.
In der Praxis entstehen daraus stille Entsprechungen. Ein kühles Blaugrau nimmt den Ton einer Tuschlandschaft auf, ein warmes Goldocker antwortet auf Päonien, ein Rankenmuster im Brokat wiederholt leise die Bewegung eines Zweigs. Die Ichimonji setzen dazu oft den einzigen Glanzpunkt, einen fingerbreiten Streifen mit eingewebten Blüten oder Goldfäden. Der Kyōtoer Montierer Yamamoto Yukio, den das japanische Register der traditionellen Kunsthandwerke zitiert, beschreibt das Ideal seines Handwerks als etwas, das nicht zu sehr auffällt und das man dennoch lange ansehen kann, ohne seiner müde zu werden. Wer japanische Kalligrafie kaufen möchte, sollte das Blatt deshalb einmal bewusst zusammen mit seiner Einfassung betrachten: Oft erklärt der Stoff, wie der Montierer die Schrift gelesen hat.
Kyō-hyōgu und Edo-hyōgu: zwei anerkannte Handwerkstraditionen
Das Zentrum der Montierung war über Jahrhunderte Kyōto, die Stadt des Hofes, der Tempel und der Teemeister. Die dortige Tradition, das Kyō-hyōgu (京表具), reicht nach Angaben des japanischen Registers der traditionellen Kunsthandwerke bis in die Heian-Zeit zurück und ist seit 1997 staatlich als traditionelles Kunsthandwerk anerkannt. Begünstigt hat sie neben dem geschulten Geschmack der Stadt auch ihr Klima: Die feuchte Luft des Kyōtoer Talkessels kommt der Arbeit mit Papier und Kleister entgegen. Vorgeschrieben sind bis heute handgeschöpftes Washi und Gewebe aus Naturfasern.
Eine zweite anerkannte Tradition ist das Edo-hyōgu (江戸表具) aus Tokio. Es entstand im frühen 17. Jahrhundert, als sich mit der Einrichtung des Shogunats auch die Montierer der Fürsten, Tempel und Schreine in Edo niederließen, und trägt seit 2020 dieselbe Anerkennung. Aus der Kultur der Krieger hervorgegangen, gilt es als zurückhaltend und leicht in der Gestaltung und zugleich als robust genug für das trockenere Klima der Stadt. Beide Traditionen fertigen nicht nur Hängerollen, sondern auch Querrollen, Stellschirme, Schiebetüren und gerahmte Bilder.
Warum Rollbilder neu montiert werden
Eine Montierung ist nicht für die Ewigkeit gemacht, und das ist Absicht. Seide wird mit den Jahrzehnten spröde, Kleister lässt nach, das Rollen hinterlässt Knicke. Weil der Stärkekleister wasserlöslich bleibt, lässt sich das Honshi jedoch von seinen alten Papierlagen lösen, reinigen, neu hinterkleben und neu fassen. In Japan rechnet man mit einem solchen Eingriff traditionell nach grob einem Jahrhundert, manchmal auch deutlich später. Er ist der Grund, weshalb Rollbilder aus früheren Epochen überhaupt erhalten sind – und weshalb die Montierung eines alten Bildes häufig jünger ist als das Bild selbst. Ein Makel ist das nicht, eher ein Zeichen dafür, dass jemand das Werk der Pflege für wert hielt.
Auch Museen behandeln die Montierung als Teil des Werks. Das Cleveland Museum of Art, nach eigenen Angaben eine von nur sechs Institutionen in Nordamerika mit Fachwissen in der Konservierung ostasiatischer Malerei, betont, dass dabei nicht allein das Bild von Bedeutung ist, sondern ebenso die Montierung, die es umgibt. Wer ein antikes Kakemono kaufen möchte, liest Bild und Einfassung deshalb am besten als zwei Dinge mit je eigener Geschichte. Und wer ein Makuri erwirbt, ein unmontiertes Blatt, hat die Entscheidung über Form und Stoffe noch vor sich.
Die zweite Handschrift am Rollbild
Hyōgu ist ein Handwerk, das sich zurücknimmt. Seinen Namen setzt der Montierer in aller Regel nicht unter die Arbeit, und doch ist er in jedem Kakemono anwesend: in der Breite der Ichimonji, im Ton des Brokats, in der Art, wie sich die Bahn nach Jahrzehnten noch weich und ohne Widerstand entrollt. Wer das einmal bemerkt hat, sieht Rollbilder anders – nicht mehr als Bild mit Rand, sondern als gemeinsames Werk zweier Hände.
Bei Densho finden Sie handgemalte Rollbilder als Einzelstücke, die wir einzeln in Japan ankaufen, jedes in seiner eigenen Montierung. Sehen Sie sich in unserer Auswahl japanischer Malerei und Kalligrafie auch die Detailaufnahmen der Stoffe und Stabenden an: Dort zeigt sich, was der Montierer dem Bild mitgegeben hat – und oft entscheidet genau dieser Zusammenklang darüber, welches Kakemono zu Ihnen und Ihrem Raum passt.
Quellen und Literatur
JAANUS – Japanese Architecture and Art Net Users System: hyousou 表装, aisf.or.jp.
JAANUS – Japanese Architecture and Art Net Users System: yamato hyougu 大和表具, aisf.or.jp.
Traditional Crafts Aoyama Square (japanisches Register der traditionellen Kunsthandwerke): KYO Hyogu (Art Mountings), kougeihin.jp.
Traditional Crafts Aoyama Square (japanisches Register der traditionellen Kunsthandwerke): Edo Hyogu (Art Mountings), kougeihin.jp.
Cleveland Museum of Art: Asian Paintings Conservation Lab, clevelandart.org.
Masako Koyano: Japanese Scroll Paintings. A Handbook of Mounting Techniques. Foundation of the American Institute for Conservation, Washington 1979.











