Eine leere Wand über dem Sofa, und der Wunsch, dort etwas Japanisches aufzuhängen: So beginnen viele. Wer dann nach japanischen Wandbildern sucht, stößt auf eine Überraschung, die mehr erklärt als jede Stilfrage. Im traditionellen Japan gab es Wandkunst im westlichen Sinn so gut wie nicht. Wände waren Schiebetüren, Bilder standen auf dem Boden, lagen in der Hand oder hingen ein paar Wochen in einer Nische und wurden dann wieder eingerollt.
Die westliche Gewohnheit „ein Bild, ein Nagel, zwanzig Jahre“ ist dem japanischen Rollbild fremd. Genau das macht es im westlichen Wohnraum interessant. Dieser Artikel geht deshalb nicht vom Objekt aus, sondern von Ihrer Wand: was in Japan dort hing und was nicht, welche Formate sich heute eignen, ob man rahmt oder rollt, und warum die Suche nach japanischen Wandbildern so oft bei derselben Welle endet.
Die Wand, die es nicht gab
Ein traditionelles japanisches Haus hat wenige feste Wände. Räume werden durch Fusuma getrennt, blickdichte Schiebetüren aus einem Holzgerüst mit Papier- oder Stoffbespannung, und durch Shōji, die durchscheinenden Papierschiebetüren zum Licht hin. Wer dort Bilder wollte, malte sie auf diese beweglichen Flächen. Für solche Raumbilder gibt es einen eigenen Begriff, Shōhekiga: Malerei auf Schiebetüren, Stellschirmen, Türen und Decken. Echte Wandmalerei auf Putz ist in der japanischen Architektur dagegen selten.
Daneben gab es den Byōbu, den mehrteiligen Stellschirm. Er wurde aufgestellt, wenn man ihn brauchte, zu Festen, gegen Zugluft oder als Hintergrund, und danach wieder zusammengefaltet. Der einzige Ort, der einer Bildwand nahekommt, ist der Tokonoma, die leicht erhöhte Nische im Empfangsraum. Dort hing seit dem Mittelalter ein Rollbild, davor standen Blumen oder ein Räuchergefäß. Doch auch dieses Bild blieb nur für eine Weile, bis zum nächsten Anlass oder zur nächsten Jahreszeit.
Gerahmte Bilder zum Aufhängen im Innenraum sind in Japan vergleichsweise jung. Gerahmt wurden lange vor allem Holztafeln mit Namen von Toren und Hallen. Erst in der Edo-Zeit kam es auf, Malerei oder Kalligrafie auf Papier oder Stoff zu montieren und für Innenräume zu rahmen. Wie man die Idee der Nische in eine europäische Wohnung überträgt, beschreibt unser Ratgeber Wie richte ich einen Tokonoma in der eigenen Wohnung ein?.
Was in Japan an der Wand hing – und was nicht
Wer heute eine Wand japanisch gestalten möchte, hat die Wahl zwischen einer Handvoll Formate. Sie unterscheiden sich weniger im Stil als im Gebrauch: Manche wurden für die Wand gemacht, andere erst im Westen dorthin gehängt.
Kakemono, das Rollbild
Das Kakemono ist das japanische Wandbild schlechthin: eine Malerei oder Kalligrafie auf Papier oder Seide, eingefasst in Stoffbahnen, oben mit einer Leiste und einer Schnur, unten mit einem Rundstab, um den es zum Verwahren gerollt wird. Fast immer ist es ein handgemaltes Original, Drucke gibt es aber auch. Montiert misst ein klassisches Kakemono etwa 170 bis 200 Zentimeter in der Länge und 40 bis 60 Zentimeter in der Breite, kürzere Formate um 130 bis 150 Zentimeter. Es hängt frei an einem einzelnen Haken. Preislich liegt es im Mittelfeld.
Makuri, das unmontierte Blatt
Ein Makuri ist die fertige Malerei ohne Einfassung, ohne Stäbe und ohne Schnur. Es ist ein Original, misst nur so viel wie das Bildfeld selbst und hängt erst, wenn es gerahmt oder als Rollbild montiert wurde. Ein Makuri ist meist deutlich günstiger als ein montiertes Kakemono und damit der leichteste Einstieg; eine Auswahl finden Sie unter Makuri.
Shikishi, das kleine Quadrat
Das Shikishi ist ein fester, fast quadratischer Bildkarton für Gedichte, Kalligrafie und kleine Malereien, heute meist rund 24 mal 27 Zentimeter groß, oft mit Gold- oder Silberstaub verziert. Es steht auf einem Ständer, hängt gerahmt oder wird in eine leere Rollbild-Einfassung gesteckt, die es wie ein Kakemono zeigt und den Wechsel erlaubt. Shikishi sind meist Originale und gehören zu den günstigsten Formaten. Mehr dazu im Beitrag Shikishi – Die kleine Bühne für das Wesentliche und in der Kategorie Shikishi.
Ukiyo-e, der Farbholzschnitt
Der Farbholzschnitt der Edo-Zeit war von Anfang an ein Druckmedium für ein breites Publikum. Das verbreitetste Format, das Ōban, misst etwa 39 mal 26 Zentimeter. Eine Ausnahme verdient Beachtung: Hashira-e, extrem schmale Blätter von rund 70 mal 13 Zentimetern, waren ausdrücklich dafür gedacht, als Schmuck an die Innenpfeiler des Hauses gehängt zu werden. Hier ist der Druck ein Original, wenn er aus seiner Zeit stammt; spätere Nachdrucke sind Reproduktionen. Die Preise reichen entsprechend von günstig bis sehr hoch.
Byōbu, der Stellschirm
Ein Byōbu ist ein Original und ein Möbel. Ein sechsteiliger Schirm misst etwa 1,5 mal 3,5 Meter, und er steht auf dem Boden, gefaltet im Zickzack. Im Westen werden Stellschirme manchmal flach an die Wand gehängt; das geht, nimmt ihnen aber die Faltung, von der ihre Bildwirkung lebt. Preislich ist der Byōbu das aufwendigste Format.
Noren und Tenugui, die Stoffe
Noren sind geteilte Stoffbahnen, die im Eingang oder unter dem Vordach hängen und bei Läden lange als Schild dienten. Tenugui sind schmale, bedruckte Baumwolltücher, eigentlich Handtücher. Beide sind Gebrauchstextilien, fast immer gedruckt oder gefärbt, und werden im Westen gern an einem Stab oder im Rahmen als Wandschmuck gezeigt. Sie sind günstig und ehrlich in dem, was sie sind.
| Format | Original oder Druck | Typische Maße | Wie es hängt | Preisniveau |
|---|---|---|---|---|
| Kakemono | meist handgemaltes Original | 170–200 × 40–60 cm | frei an Schnur und Haken | mittel |
| Makuri | Original | so groß wie das Bildfeld | gerahmt oder montiert | niedrig bis mittel |
| Shikishi | meist Original | etwa 24 × 27 cm | Ständer, Rahmen oder Einfassung | niedrig |
| Ukiyo-e | Druck; alt = Original, neu = Nachdruck | Ōban etwa 39 × 26 cm | gerahmt hinter Glas | niedrig bis sehr hoch |
| Byōbu | Original | sechsteilig etwa 150 × 350 cm | steht auf dem Boden | hoch |
| Noren, Tenugui | gedruckter oder gefärbter Stoff | je nach Stück | an Stab oder Rahmen | niedrig |
Rahmen oder rollen?
Die häufigste Frage zuerst: Kann man ein Kakemono rahmen? Die Antwort ist nein, und der Grund steckt im Objekt selbst. Die Stoffeinfassung eines Rollbilds ist bereits sein Rahmen; sie trägt das Bild, schützt seine Ränder und gibt ihm die Proportion. Ein zweiter Rahmen darum herum verdoppelt nur, was schon da ist, und nimmt dem Rollbild das, wofür es gebaut wurde: das Einrollen, Verwahren und Wechseln.
Mit einem Makuri ist es anders. Ein unmontiertes Blatt dürfen Sie rahmen, oder Sie lassen es von einem Montierer zu einem Rollbild verarbeiten, wie es im Beitrag Hyōgu – Die Kunst der Montierung beschrieben ist. Wer rahmt, setzt das Blatt in ein Passepartout, damit das Papier das Glas nicht berührt, und wählt am besten Glas mit UV-Schutz, das das Ausbleichen bremst. Für Shikishi und Holzschnitte gilt dasselbe.
Bleibt die Proportion, und gerade bei japanischen Bildern fürs Wohnzimmer entscheidet sie über die Wirkung. Ein Rollbild von 190 mal 50 Zentimetern ist schmal und hoch, ein Sofa breit und niedrig. Über einem langen Möbel wirkt ein einzelnes Kakemono deshalb leicht verloren. Besser steht es dort, wo die Wand selbst schmal ist: neben einer Tür, in einer Laibung, am Ende eines Flurs oder über einer niedrigen Kommode. Unter einer Zimmerdecke von 2,40 Metern sitzen kürzere Formate um 130 bis 150 Zentimeter oft besser. Wer eine breite Wand füllen will, hängt zwei Rollbilder nebeneinander oder greift zum Querformat.
Denn auch das gibt es: Rollbilder, die breiter als hoch sind. Im Japanischen unterscheidet man das hochformatige Tatejiku vom querformatigen Yokofuku, auch Yokomono genannt. Ein solches Querformat passt über ein Sofa, ein Bett oder einen Schreibtisch, ohne seinen Charakter als Rollbild aufzugeben.
Das Poster-Problem bei japanischen Wandbildern
Wer im Netz nach japanischen Wandbildern sucht, bekommt fast immer dasselbe zu sehen: Hokusais große Welle, Hokusais roten Fuji, Kirschblüten im Stil eines Holzschnitts, gedruckt auf Leinwand und auf Keilrahmen gespannt. Das hat einen einfachen Grund. Hokusai starb 1849, und das Urheberrecht erlischt in Deutschland siebzig Jahre nach dem Tod des Urhebers. Seine Bilder sind längst gemeinfrei, jeder darf sie drucken, und so tut es auch jeder.
Dabei lohnt ein genauer Blick, was man vor sich hat. Ein Holzschnitt aus der Edo-Zeit ist ein Original, obwohl er gedruckt wurde: Er stammt aus der Werkstatt, die ihn geschnitten und gedruckt hat. Ein späterer Nachdruck von neu geschnittenen Platten ist eine Reproduktion in derselben Technik. Ein Leinwanddruck nach einem Scan ist eine Reproduktion dieser Reproduktion. Das ist kein Werturteil, ein guter Druck kann eine Wand schön machen; es ist nur gut zu wissen, wofür man bezahlt.
Überraschend ist für viele, dass ein handgemaltes Rollbild oft nicht teurer ist als ein gerahmter Kunstdruck in Galeriequalität. Das hat zwei Gründe. Bei einem großformatigen Druck kosten Rahmen, Passepartout und entspiegeltes Glas schnell mehr als der Druck selbst, während die Einfassung eines Rollbilds im Preis bereits enthalten ist. Und weil Haushalte mit Tokonoma traditionell mehrere Rollbilder für den Wechsel besaßen, ist das Angebot an älteren, handgemalten Rollbildern aus Japan groß. Wer ein Original sucht statt einer Reproduktion, findet unter japanische Wandbilder handgemalte Einzelstücke.
Wechseln statt hängen
Am Ende führt jede dieser Fragen zurück zum Anfang. Ein gerahmtes Bild wird aufgehängt und bleibt; nach einem Jahr sieht man es kaum noch. Ein Kakemono dagegen hängt ein paar Wochen, kommt zurück in seine Holzbox und macht einem anderen Platz. Wer ein Kakemono kauft, kauft deshalb keine Dekoration, sondern eine Gewohnheit: den Blick auf die Wand, der sich mit dem Jahr verändert.
Welches Motiv in welchen Raum und zu welcher Jahreszeit passt, erklärt der Ratgeber Welches Kakemono-Motiv passt zu welchem Raum und welcher Jahreszeit?. Wie Sie ein Rollbild sicher aufhängen, lüften und lagern, steht unter Kakemono aufhängen und pflegen.
Quellen und Literatur
JAANUS – Japanese Architecture and Art Net Users System: shouhekiga 障壁画, aisf.or.jp.
JAANUS – Japanese Architecture and Art Net Users System: tokonoma 床の間, aisf.or.jp.
JAANUS – Japanese Architecture and Art Net Users System: kakemono 掛物, aisf.or.jp.
JAANUS – Japanese Architecture and Art Net Users System: gaku 額, aisf.or.jp.
JAANUS – Japanese Architecture and Art Net Users System: hashira-e 柱絵, aisf.or.jp.
Bundesministerium der Justiz: § 64 UrhG – Allgemeines, gesetze-im-internet.de.














