Ein Zweig mit blassen Blüten auf einem japanischen Rollbild ist selten nur ein Zweig. Wer ihn lesen kann, weiß, in welchem Monat das Bild hängen soll, an welches Fest es erinnert und manchmal sogar, welches Gedicht der Maler im Kopf hatte. Blumen sind in Japan eine Sprache, aber eine andere als die europäische: Sie spricht weniger von Gefühlen als von Zeit.
Dieser Artikel stellt die Blumen vor, die in der japanischen Kunst immer wiederkehren, von der Pflaume, die das Jahr eröffnet, bis zur Chrysantheme des Herbstes. Er erklärt, was sie bedeuten, woher diese Bedeutungen kommen und woran man sie auf Bildern, Keramik und Lack wiedererkennt.
Blumen als Kalender
Die wichtigste Bedeutung einer japanischen Blume ist ihre Jahreszeit. Ob ein Bild im Februar, im Mai oder im Oktober an die Wand gehört, verrät zuerst das, was darauf blüht. Dichter und Maler haben dieses Wissen über Jahrhunderte gepflegt; schon in der frühen Neuzeit gab es Blumenkalender, die die Blüten eines Jahres der Reihe nach aufzählten und die besten Orte dazu nannten.
Wer ein Rollbild passend zur Jahreszeit aufhängt, folgt diesem Kalender. Ein Kirschzweig im Oktober wäre kein Stilbruch aus Unwissen, sondern eine falsche Uhrzeit. Deshalb fragen japanische Betrachter bei einem Blumenbild zuerst nicht „Was bedeutet das?“, sondern „Wann ist das?“.
Ume, die Pflaumenblüte: die erste Blüte im Schnee
Die Pflaume, japanisch Ume (梅), blüht als erste, oft schon im Februar, wenn noch Schnee liegt. Sie stammt aus China und kam vor der Nara-Zeit nach Japan. In der ältesten japanischen Gedichtsammlung, dem Man'yōshū, wird sie unter den Pflanzen nur vom Buschklee übertroffen und häufiger besungen als die Kirsche. Erst später rückte die Kirsche an ihre Stelle.
Ihre Bedeutung ist Ausdauer: Sie blüht in der Kälte und duftet, bevor das Jahr warm wird. Zusammen mit Kiefer und Bambus gehört sie zu den glückverheißenden Pflanzen der Neujahrszeit, und gemeinsam mit Orchidee, Bambus und Chrysantheme bildet sie die „Vier Edlen“, eine Bildgruppe aus China, die Pflanzen mit den Tugenden des gebildeten Menschen vergleicht. Auf Rollbildern sitzt im Pflaumenzweig oft ein kleiner Singvogel, der Uguisu, und kündigt den Frühling an.
Sakura, die Kirschblüte: Fest und Vergänglichkeit
Die Kirsche, Sakura (桜), ist die Blume, an die die meisten bei Japan zuerst denken. Ihr Fest ist das Hanami, das Betrachten der Blüten unter freiem Himmel. Ursprünglich war es kein Vergnügen, sondern ein Brauch vor Beginn der Feldarbeit, bei dem man draußen aß und trank; in der Edo-Zeit wurde es zum Ausflug der Stadtbewohner, und in Edo legte man eigens bepflanzte Kirschenorte an.
Die Kirschblüte blüht kurz und fällt, solange sie noch schön ist. Deshalb steht sie für die Freude am Augenblick und zugleich für Vergänglichkeit. Eine gesetzlich festgelegte Nationalblume hat Japan übrigens nicht; als Blumen Japans gelten im Allgemeinen die Kirsche und die Chrysantheme.
Kiku, die Chrysantheme: Herbst und Kaiserhaus
Die Chrysantheme, Kiku (菊), ist die Blume des Herbstes. Ihr Fest ist der neunte Tag des neunten Monats, das Chōyō, an dem man nach chinesischem Vorbild Chrysanthemenwein trank; am Kaiserhof wurde daraus in der Heian-Zeit ein festes Bankett. Die Blüte mit sechzehn Blättern ist das Wappen des Kaiserhauses, und als solches erscheint sie bis heute auf dem japanischen Reisepass.
Als eine der „Vier Edlen“ steht die Chrysantheme für den Menschen, der spät im Jahr noch blüht, wenn andere schon verwelkt sind: für Würde und ein langes Leben. Auf Rollbildern begegnet sie oft zusammen mit Felsen, Vögeln oder einem Bach, und gern in Weiß und Gelb.
Botan, die Pfingstrose: der König der Blumen
Die Pfingstrose, genauer die Strauchpfingstrose Botan (牡丹), kam aus China nach Japan und trägt den Beinamen „König der Blumen“. Ihre großen, vollen Blüten stehen für Reichtum, Pracht und Glück. In der Kunst tritt sie häufig zusammen mit dem Löwen auf: Löwe und Pfingstrose sind ein festes Paar, das Stärke und Schönheit verbindet und auf Stellschirmen, Lackarbeiten und Textilien wiederkehrt.
Weil sie im Frühsommer blüht, steht die Pfingstrose an der Schwelle zum Sommer. In Familienwappen erscheint sie in vielen Abwandlungen, und auf Gefäßen leuchtet sie gern in Gold, etwa in Maki-e oder eingeritzt in roten Urushi-Lack.
Iris, Prunkwinde und Herbstgräser: Sommer und Herbst
Im Frühsommer gehört die Bühne der Iris. Ihr Name Shōbu (菖蒲) bezeichnet zugleich den Kalmus, eine Sumpfpflanze, deren schwertförmige, stark duftende Blätter am Knabenfest, dem fünften Tag des fünften Monats, Unheil abwehren sollten; man steckte sie unter die Dachtraufen oder legte sie ins Bad. Über den gemeinsamen Namen ist auch die Iris Hanashōbu mit diesem Fest verbunden. Eine verwandte Art, die Kakitsubata, ist durch eine berühmte Szene der Erzählung von Ise zum Bildmotiv geworden: Der Dichter Ariwara no Narihira rastet an den „Acht Brücken“ in einem Irissumpf und dichtet über die Frau, die er in der Hauptstadt zurückließ.
Die Prunkwinde, Asagao (朝顔), wörtlich „Morgengesicht“, öffnet sich am frühen Morgen und welkt bis Mittag. Sie kam in der Nara-Zeit als Arzneipflanze aus China; in der Edo-Zeit entwickelte sich um sie eine regelrechte Sammelleidenschaft, und zwischen 1848 und 1860 entstanden besonders viele neue Sorten. Seit der Heian-Zeit steht sie für das Flüchtige.
Den Herbst begleiten die Sieben Herbstgräser, Aki no Nanakusa (秋の七草): Buschklee, Pampasgras, Kopoubohne, Prachtnelke, Goldbaldrian, Wasserdost und eine Blume, die in alten Texten Asagao heißt und meist als Ballonblume gedeutet wird. Die Reihe geht auf ein Gedicht im Man'yōshū zurück und wird bis heute als Ensemble gemalt.
Lotos: die Blume des Buddhismus
Der Lotos stammt aus Indien und kam über China nach Japan, wo er in Teichen kultiviert wird und im Sommer blüht. Seine Bedeutung kommt aus dem Buddhismus: Er wächst aus schlammigem Wasser und öffnet sich doch rein und unbefleckt. Deshalb sitzen Buddhafiguren auf Lotossockeln, und deshalb hat der Lotos in Bildern meist einen ernsteren, stilleren Ton als die Blumen der Jahreszeitenfeste. Manche Maler setzen ihm einen kleinen Gast hinzu, eine Schnecke oder einen Eisvogel, und holen ihn damit in die Welt der Natur zurück.
Hanakotoba: die Blumensprache kam aus Europa
Wer nach der Bedeutung japanischer Blumen sucht, stößt schnell auf Hanakotoba (花言葉), wörtlich „Blumenworte“. Diese Blumensprache, die jeder Blüte eine Botschaft zuordnet, ist jedoch keine alte japanische Tradition. Sie kam in der frühen Meiji-Zeit mit der westlichen Kultur ins Land und wurde zunächst weitgehend übernommen.
Mit der Zeit bekamen manche Pflanzen in Japan eine eigene Deutung, weil Klima, Bräuche und Bildtradition andere waren. Die Kiefer etwa steht in Japan für ein langes Leben, weil sie alt und kräftig wird, und gehört mit Bambus und Pflaume zu jedem freudigen Anlass. Für die Kunst älterer Zeit gilt deshalb: Ihre Blumen lesen sich nicht über Hanakotoba, sondern über Jahreszeit, Dichtung und Fest.
Blumen in der japanischen Kunst lesen
Die große Gattung, in der Blumen in der japanischen Malerei zu Hause sind, heißt Kachō-ga, Blumen- und Vogelmalerei. Als eigenständiges Thema der japanischen Malerei erscheint sie zuerst in Tuschbildern von Zen-Mönchen der Muromachi-Zeit; später verbanden die Maler der Kanō-Schule Pinselführung aus China mit leuchtenden Farben und viel Gold. Auf Stellschirmen ziehen die Jahreszeiten oft von einer Seite zur anderen, von der Pflaume bis zur Chrysantheme.
Für das eigene Betrachten genügen drei Fragen. Welche Blume ist es, und wann blüht sie? Was steht neben ihr – ein Vogel, ein Insekt, ein Gedicht? Und ist sie farbig oder in Tusche, wie es die Maler der „Vier Edlen“ liebten? Wer so fragt, erkennt in einem Bild mit Blumen und Pflanzen bald mehr als ein schönes Motiv: einen Monat, ein Fest und oft einen Wunsch für den, der es aufhängt.
Quellen und Literatur
Kotobank: 花言葉, kotobank.jp.
Kotobank: 梅, kotobank.jp.
Kotobank: 国花, kotobank.jp.
Kotobank: 秋の七草, kotobank.jp.
JAANUS – Japanese Architecture and Art Net Users System: kachouga 花鳥画, aisf.or.jp.
JAANUS – Japanese Architecture and Art Net Users System: shikunshi 四君子, aisf.or.jp.















